Die isländischen Sagas in Corvey ZUR OFFIZIELLEN SEITE
So entdeckt die Welt die Fjorde und Täler einer fernen Insel – und tut gut daran
15. bis 18. September 2011

Nachdem 2008 die ganze Ilias in Raoul Schrotts Neuübersetzung in Corvey an der Weser gelesen und diskutiert wurde, wird nun auf einem großen Lesefest eine neu übersetzte Auswahl von Isländersagas in einer Premiere dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt. Sie sind Islands wichtigster Beitrag zur Weltliteratur, noch heute finden ihre Stoffe und Motive Eingang in die Künste der Gegenwart. Sie markieren den Beginn der großen Erzähltraditionen in Nordeuropa. Island ist 2011 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse.
Die Isländersagas erzählen von der Ära der sogenannten ‹Sagazeit›, den Jahrzehnten zwischen 930 und 1050, als die Wikinger, von Norwegen kommend, die unbewohnte Insel besiedelten. Aufgeschrieben wurden sie im 13. und 14. Jahrhundert von unbekannter Hand, etwa 40 Isländersagas sind erhalten. Die Sagas berichten detailfreudig von den Menschen und ihren Handlungen, was sie wann und wo unternehmen, wohin sie reisen, welches Abenteuer sie bestehen, mit wem sie streiten, wen sie verfluchen oder wer sie im Stich läßt. Die Frauen sind eigensinnige Persönlichkeiten, Helden oft listige Charaktere, von Heiden hielt man nicht viel. Genaues Benennen der Familienbande oder konkrete Ortsangaben dienen der Beglaubigung der eigenen Geschichte und Vergangenheit. Zur Wirklichkeit zählen die Elemente und die Naturgeister, die Schönheit und Wildheit der großartigen Landschaft wird nicht beschrieben, die hatte man ja vor Augen.
Die Faszination der Sagas liegt bis heute in ihrer Direktheit und dem schonungslosen Einblick in den Charakter der Handelnden, ihre Aktualität machen nicht zuletzt die Passagen aus, in denen Konflikte – Neid, Rache, Maßlosigkeit – gelöst werden, Versuche der Kultivierung, um Mitmenschlichkeit herzustellen. ‹Es war ein Gemeinwesen, zu dem es in Europa überhaupt nichts Vergleichbares gab, ein Staat ohne König oder Fürst, ohne Lehnsleute und ohne Ministerialen, ohne Verwaltungsapparat, ohne Exekutive, aber nicht ohne Recht›, schreibt der skandinavistische Mediävist Kurt Schier. Ansgar, ‹Apostel des Nordens›, stand der Klosterschule in Corvey vor, bevor er als Erzbischof von Hamburg-Bremen zusammen mit Autbert von Corbie und Witmar aus Corvey mit der Christianisierung Dänemarks und Schwedens begann und später den nach Auseinandersetzungen mit den Wikingern geflohenen und getauften Dänenkönig Harald I. in seine Heimat zurückbegleitete. Kurze Zeit später setzt die Handlung der Isländersagas ein.
Das isländische Lesefest beginnt am Donnerstagabend um 18.00 Uhr und wird am Sonntagnachmittag beendet. Schwerpunkt sind die inszenierten Lesungen der Sagas durch renommierte Schauspieler. Übersetzer, Herausgeber und Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler sprechen über die Kultur der Sagas, ihre Überlieferung, ihre Bedeutung für das kulturelle Gedächtnis und ihr Fortwirken bis in die Literatur, Musik und Filmkunst der Gegenwart. ‹Meine Mutter war arm und konnte mir nichts geben außer Poesie, das war alles, was sie besaß und kannte, ein Erbe von unzähligen vergessenen Müttern und Großmüttern aus vergessenen Tälern und Fjorden; Gedichte und Strophen, die der Wind verfasst zu haben schien, ein anderer Autor war nur selten genannt, außer man wollte sie Fischen oder Vögeln zuschreiben, das war vielleicht noch erlaubt, mehr aber auch nicht.› (aus: Þorsteinn frá Hamri, Möttull konúngur eða Caterpillar)
Die Vorstellungen der Menschen jener Zeit von Respekt, Ehre und Recht, der Medienwechsel vom Oralen zum Geschriebenen, die Bedeutung der Saga-Erzähltradition für das kulturelle Gedächtnis, die Begründung für die Faszination und Modernität der Sagas, das Fortleben der Sagas in der heutigen Erzähltradition werden thematisiert. Dabei wird gegenüber einem rein philologischen, ein anthropologischer interdisziplinärer Ansatz gesucht, der neben der wissenschaftlichen, die künstlerische Dimension betont.
Die Schauspieler Michel Altmann, Fritzi Haberlandt, Sylvester Groth, Matthias Habich, Hans-Martin Stier, Andrea Sawatzki, Matthias Bundschuh sowie drei weitere Schauspieler werden lesen.
Neben den Herausgebern Klaus Böldl (Kiel), Andreas Vollmer (Berlin) und Julia Zernack (Frankfurt/Main) sind alle Übersetzer eingeladen: Klaus Böldl, Wolfgang Butt, Thomas Esser, Tina Flecken, Ursula Giger, Mathias Kruse, Kristof Magnusson, Kurt Schier, Sabine Schmalzer, Betty Wahl, Laura Wamhoff und Karl-Ludwig Wetzig. Außerdem haben die Wissenschaftler und Kulturschaffenden Vesteinn Olafur, Halldor Gundmundsson, Örnolfur Thorsson, Karl-Gunnar Johansson / Schweden, Annette Lassen / Dänemark sowie Tilman Spreckelsen bereits ihr Kommen zugesagt.
Die Schriftsteller Sjon, Ulf Stolterfoht, Roy Jacobsen, Einar Karason beteiligen sich und stehen damit stellvertretend für die Aktualisierung der isländischen Sagas. Musiker wie Arve Henriksen, Trompete, Anna Frimur, Gesang, Arilf Andersen, Baß, Frank Köllges, Schlagzeug begleiten die inszenierten Lesungen.
Das detaillierte Programm erscheint Anfang August 2011, Reservierungen werden bereits jetzt entgegengenommen.
Eintritt:
Donnerstag: Kat. A: 25 Euro / Kat. B: 15 Euro
Tageskarten: Kat. A: 46 Euro / Kat. B: 36 Euro
Abo: Kat. A: 120 Euro / Kat. B: 90 Euro, Schüler und Studenten zahlen für das Abo 35 Euro.
Es besteht die Möglichkeit, Speisen mittags und abends im Kreuzgang sowie einen Nachmittagsimbiß für 27,50 Euro / Tag zu bestellen.
Eine Veranstaltung des Literaturbüros Ostwestfalen-Lippe in Detmold e.V. in Zusammenarbeit mit ‹Sagenhaftes Island›, S. Fischer Verlag sowie Kulturkreis Höxter-Corvey.
